Article In: Bochumer Philosophisches Jahrbuch für Antike und Mittelalter: Band 28
Herausgegeben von Manuel Baumbach und Olaf Pluta
[Bochumer Philosophisches Jahrbuch für Antike und Mittelalter 28] 2025
► pp. 54–117
Den Autoren Hermann von Winterswick bzw. Heinrich Totting von Oyta zugeschriebene Kommentare zur Metaphysik des Aristoteles
Eine philosophische Analyse
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Article language: German
Zusammenfassung
Die vorangegangene Analyse hat ergeben, dass die Schriften des Hermann von Winterswick und des Heinrich Totting von Oyta zur Metaphysik des Aristoteles von zwei kritischen Aristotelikern verfasst wurden. Besonders die Bücher VII-X und das XII. Buch dieser Schrift bilden deren theoretisches Zentrum und wurden von beiden Kommentatoren gründlich ausgewertet. Ihre Darstellungen und Interpretationen der Textvorlage sind jeweils eigenständig. Sie sind durch eine klare ablehnende Haltung gegenüber der platonisch-neuplatonischen Traditionslinie des Philosophierens gekennzeichnet. Positiv ist bei ihnen eine naturalistisch orientierte Tendenz in der Erkenntnistheorie und der Ontologie auf aristotelischer Grundlage zu erkennen. Die Metaphysik fassen sie als eine philosophische Leitdisziplin auf, welche selbständig neben der Theologie existiert. Die Substanzen-Ontologie bildet deren theoretischen Kern. Diese wird durch die Übernahme von Elementen einer Modal-Ontologie zu einem dynamischen Gesamtbild der natürlichen Wirklichkeit, das heißt der materiellen organischen und anorganischen Welt, geformt. Bei der Diskussion des Universalien-Problems weichen beide Autoren insofern grundsätzlich voneinander ab, als Hermann von Winterswick einem gemäßigten Universalien-Realismus auf aristotelischer Grundlage folgte und sich dabei strikt von den Innovationen des Wilhelm von Ockham und dessen Anhängern abgrenzte, während sich Heinrich Totting von Oyta einer solchen Orientierung nicht anschloss. Beide waren dabei der Meinung, die authentische Lehre des Aristoteles zu vertreten.
Weitere Funde von bislang noch nicht identifizierten philosophischen Schriften Tottings — darunter eventuell auch eines Quaestiones-Kommentars zur Metaphysik — können neue Einblicke in die philosophische Szenerie Mitteleuropas zu Beginn der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ermöglichen. Die vorangegangene Analyse hat auch ergeben, dass die Diskussion von erkenntnistheoretischen Fragen, der Kategorien-Lehre, des Universalien-Problems und der philosophischen Gotteslehre als immanente Bestandteile der Metaphysik in der Funktion einer philosophischen Leitdisziplin angesehen wurden. Nicht zuletzt sind auch das große Gewicht und die Autorität des Averroës und dessen Aristoteles-Interpretation für die beiden Aristoteles-Kommentatoren zu vermerken. Hier spielte wahrscheinlich auch eine Erfurter Tradition eine maßgebliche Rolle. Eine eindeutige Zuordnung der Ausführungen des Hermann von Winterswick oder des Heinrich Totting von Oyta zu einer etablierten philosophischen Schullehre der damaligen Zeit ist nicht möglich. Auffallend aber ist ihre kritische Haltung gegenüber bestimmten Lehren des Scotismus als damals neu entstehender einflussreicher Richtung des Philosophierens. Das trifft auch auf andere innovative Denker des 14. Jahrhunderts zu, unter ihnen vor allem die Lehren Wilhelms von Ockham. Heinrich Totting erwähnte ihn und dessen Lehren zwar nicht in seiner Lectura textualis metaphysicae, dafür aber in seinem Quaestiones- Kommentar zur Physik. Letztlich bleiben nur Aristoteles und Averroës als einzige Autoren übrig, die sie ohne Ausnahme positiv zitieren. In diesen Kontext sind die untersuchten Kommentare zur Metaphysik historisch einzuordnen.
Article outline
- Einführung
- Neue erkenntnisse
- Positionen und gegenpositionen
- Theoretischer Gehalt und Wirkung
- Die Erste Philosophie in der Lectura textualis Metaphysicae
- Anmerkungen
- Abkürzungen
- Quellenverzeichnis